Garzweiler. Ein altes Dorf im Rheinland. Unter diesem Land liegt Kohle – Braunkohle, die aus der Erde gebaggert wird.
Garzweiler, urkundlich bereits 1283 erwähnt, ist zum Tode verurteilt.
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Langsam radele ich durch das Dorf. Keine Autos fahren, kein Plausch der Nachbarsfrauen am Gartenzaun, kein Laut dringt aus geöffneten Fenstern. Es spielen auch keine Kinder an diesem herrlichen Sommerabend vor den Ruinen. Totenstille. Stille. Tod.
Die Fenster sind eingeschlagen, die Rahmen aus den Wänden herausgerissen. Hölzerne Haustüren und Zäune wurden seit Jahren nicht gerichtet und gestrichen. Aus den Häusern und Gärten wurde geplündert, was noch zu gebrauchen war. Gespenstisch.
Etwas außerhalb vom Dorf gibt es eine große Apfelbaumplantage. Ein alter Gutshof mit genauso altem, eingewachsenen Garten steht gleich daneben. Ein Schmuckstück für Liebhaber alter Häuser. Welche Geschichten beherbergt dieses Gemäuer?
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Nun stehe ich am Rande einer riesigen Grube und erinnere mich an meinen Radausflug.
Genau an dieser Stelle, stand einmal das Gutshaus. Es ist nicht mehr da. Dort, wo die Apfelbäume standen, gähnt ein großes, tiefes Loch, in dem der Abraumbagger mit seinen riesigen Schaufeln haust.
Der Ort Garzweiler ist nicht mehr da. Weggebaggert. Es ist unheimlich. Die Autobahn ist weg. Sie wurde einfach verlegt und wird später wieder aufgebaut, wenn die Grube zugeschüttet ist.
Ein Dorf wurde umgesiedelt. Das ist fast so wie abgebrannt. Nur noch auf Fotos lebt die Erinnerung. Die Heimat ist fort. Weggebaggert.
Neu-Garzweiler. Wie der Name schon sagt: Neu. Ein künstlich angelegtes Dorf. Hübsch – ohne Zweifel. Aber ohne Herz.
Von dem alten Dorf, der Heimat, ist nichts an dem neuen Ort zu finden. Die Menschen ja, aber wie haben sie sich verändert? In einem neuen Dorf mit modernen Einfamilienhäusern, schönen Gärten und Spielplätzen. Es gibt hier mehr, als es im alten Dorf gab.
Aber Heimat ist das nicht. Nicht für die alten Leute. Den Charakter der alten Häuser konnte man nicht umsiedeln.
Und wieder rückt der Bagger ein Stück weiter. Unaufhaltsam. Es werden noch viele Dörfer umgesiedelt. Teilweise stehen dort schon die Häuser leer. Um sich vor Plünderern zu schützen basteln die Bewohner Schilder an Ihr Haus: Dieses Haus ist bewohnt. Die Umsiedlung dauert viele Jahre, Jahrzehnte im Wartezustand.
Dort wo der Bagger war, wird wieder aufgeschüttet. Neue Landschaft entsteht. Auch die Autobahn ist wieder da, wo sie früher war. Irgendwann wird auch eine Seenplatte entstehen. In ein paar Jahrzehnten können die Menschen hier schwimmen, segeln, ihre Freizeit verbringen.
Sie werden nicht wissen, wie dieser See entstanden ist. Wieviel Leid ihre Vorfahren Generationen zuvor erfahren mussten. Wie viele Tränen sie um ihr Hab und Gut geweint haben.
In Jüchen und Wanlo habe ich gelebt, bevor ich in den Bayerischen Wald gezogen bin.
Wer wissen möchte, wie es dort aussieht, schaue einmal hier:
http://www.luftbild-archiv.de/page03g.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Garzweiler
Ganz bedrückende Bilder sieht man hier:





Liebe Vera,
vor über 20 Jahren hatte ich eine Freundin in Quadrath-Ichendorf bei Köln. Wir waren zu Besuch und ihre Eltern fuhren mit uns zu so einem „Loch“. Das war unfaßbar gigantisch. Und vor allem diese riesigen Bagger. Noch nie habe ich sowas gesehen. Ich kann es mir also gut vorstellen, weil ich das damals schon kennengelernt habe. Schrecklich sich vorzustellen, daß die Heimat auf diese Weise verloren geht.
Liebe Grüße
Ellen
Liebe Vera und auch liebe Ellen,
ich habe fast genau das gleiche Erlebnis gehabt. Mit Freunden, die dort in der Nähe wohnen, bin ich ebenfalls zu so einer Stelle gefahren – gigantische Ausmaße hatte das dort alles. Wir sind dann auch an diesen verlassenen Dörfern vorbeigekommen und ich muss sagen, ich hatte eine Gänsehaut, so schrecklich fand ich das.
Liebe Grüße
Ulrike
Ja, genau, Gänsehaut pur bekommt man, wenn man das sieht. Wie müssen die Menschen sich fühlen, deren Heimat einfach weggebaggert wird?
Und die Dörfer? Ein Friedhof ist kuscheliger.
Liebe Grüße
Vera
Schlimm. Und alles nur, damit wir unseren bisherigen Lebensstandard einigermaßen beibehalten können. Was ja sowieso illusorisch ist. Hätte man dort einen Park mit Windrädern hingebaut, hätte die alte Dorfkultur erhalten werden und alle Menschen wohnen bleiben können.